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Gesamtschule UniverSaale
Wie erinnern an die Täter des Nationalsozialismus? Einweihung der Gedenktafel an der Kahlaischen Straße 1
Dass die fruchtbare Zeit der NS-Diktatur trotz des Schwindens von Zeitzeugen nie vergessen werden darf, ist elementar für den Erhalt unserer Demokratie. Um nichts weniger ging es daher bei einem Projekt der UniverSaale, das am 27.5. mit einer neuen Gedenktafel an einem Täterort einen ersten Abschluss fand.
Über das Projekt
Für den »Klang der Stolpersteine« am 9.11. 2025 beschäftigte sich der 11. Jahrgang mit der Geschichte eines Unigebäudes im Dritten Reich und der Biografie von Tätern aus der Wissenschaft.
In der Kahlaischen Straße 1 befanden sich seit 1933 Räumlichkeiten für Institute hochrangiger Vertreter der pseudowissenschaftlichen Rassenlehre: von 1933 bis 1935 die »Anstalt für Menschliche Züchtungslehre und Vererbungsforschung« und ab 1935 das »Institut für Menschliche Erbforschung und Rassenpolitik«. Außerdem das »Institut für allgemeine Biologie und Anthropogenie« sowie das »Institut für Rasse und Recht«. Hier wirkte nicht nur der überzeugte Rassist und Antisemit Karl Astel, auch Lothar Stengel von Rutkowski, Gerhard Heberer sowie Falk Ruttke arbeiteten hier. Sie gehörten der sogenannten »Rassen-Quadriga« an, die die Universität Jena im Nationalsozialismus zu einem zentralen Standort der Rassenkunde und Rassenhygiene machten. In der Kahlaischen Straße 1 wurden Theorien entwickelt und verbreitet, die der pseudowissenschaftlichen Legitimation der nationalsozialistischen Massenverbrechen dienten.
Nach der Veranstaltung beim Klang der Stolpersteine hörte das Engagement der Schüler*innen und ihrer Lehrerin Victoria Lorenz jedoch nicht auf. Längst überfällig erschien es ihnen, dass an diesem Ort, der quasi direkt vor ihrer Schule ist, über diese Vergangenheit und die Täter mit einer Tafel aufgeklärt werden müsse. Dafür recherchierten, arbeiteten und formulierten sie mehrere Monate. Unterstützung fanden sie in dem Prozess auch bei Prof. Dr. Uwe Hoßfeld der Uni Jena und dem Arbeitskreis Sprechende Vergangenheit, dem die UniverSaale seit einigen Jahren verbunden ist.
Bewegende Einweihung
Die intensive Vorbereitung hatte sich schließlich gelohnt: Am 27.5.2026 versammelten sich die Schüler*innen, Mitglieder des Arbeitskreises und der UniverSaale, sowie Vertreter*innen der Universität und der Stadt, um vor Ort die Tafel einzuweihen. Zu diesem Anlass war auch Ulrich Becker, der Enkel einer der auf der Tafel erwähnten Wissenschaftler, Gerhard Heberer, angereist.
Die zwei Schüler*innen Milo und Lara erzählten von ihrem Projekt und Wolfram Böhme, Direktor der Gesamtschule UniverSaale, dankte ihnen und Victoria Lorenz, dass sie sich an diese nicht ganz einfache Aufgabe gewagt haben. Denn es ist nicht nur wissenschaftlich herausfordernd gewesen, die Täterschaft zu beleuchten und die richtigen Worte für eine Tafel zu finden. Auch sei ihre Arbeit von gesellschaftlicher Relevanz, sagte er, denn:. »wir müssen mehr denn je darauf achten, Gruppen von Menschen nicht als Probleme zu sehen, wachsam sein und Courage zeigen«. Dem folgte auch Prof. Dr. Bärbel Kracke, die in ihrer Rolle als Vizepräsidentin der Uni Jena sprach. Solche Erinnerungsorte seien Mahnungen, dass Wissenschaft und Gesellschaft eine hohe Verantwortung haben, damit sich die Vergangenheit nicht wiederhole, sagte sie: »Demokratie ist nicht selbstverständlich«. Darin stimmte sie auch mit Dr. Thomas Nitzsche, OB der Stadt Jena, überein. »Was ihr hier leistet, braucht es, damit wir auch heute noch eine Beziehung zur Vergangenheit herstellen und Verantwortung übernehmen können«, sprach er zu den Schüler*innen, »Bleibt dran« ermutigte er sie.
Die Perspektive des Enkels
Besonders war bei dieser Veranstaltung, dass Ulrich Becker seine sehr persönliche Perspektive zu Verstrickung seines Großvaters einbrachte. Er habe erst spät davon erfahren und bezeichnet es als »Lügen«, was seine Eltern ihn über Gerhard Heberer erzählten. In seiner Familie hieß es immer, der Rasseforscher und Günstling Himmlers wäre ein fleißiger und renommierter Wissenschaftler gewesen, überall anerkannt. Auch gesellschaftlich galt er als »unbelastet« und arbeitete noch bis 1970 als Direktor an der Georg-August-Universität Göttingen, berichtete er. Doch die Täterschaft seines Großvaters, die Hetze, die er betrieb und seine – auch nach der NS-Zeit bestehenden -menschenverachtenden Ansichten belasten ihn, erzählte Becker. Daher helfe ihm das Engagement der Schülerinnen und die Aufarbeitung der Geschichte, seine persönliche Fassungslosigkeit zu begreifen. Er war an diesem Tag extra aus Duisburg eingereist, um an die Schülerinnen und Zuhörer*innen deutliche Worte zu richten: »Ich bezichtige meinen Großvater zur Beihilfe am sechsmillionenfachen Mord.«
veröffentlicht am 29. Mai 2026