Querwege e. V.

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Unsere Position für Teilzeit, für Gesundheit und für eine Finanzierung, die Führung und Koordination mitdenkt

Teilzeit ist kein Lifestyle – sondern unsere Realität bei QuerWege

In der öffentlichen Debatte stehen aktuell Teilzeitwünsche vieler Menschen stark in der Kritik. Da ist von »Lifestyle« und »Freizeitmentalität« die Rede – und schnell entsteht der Eindruck: Menschen arbeiten weniger – auf Kosten eines Staates, der nicht mehr wisse, wie er seine Sozialsysteme auskömmlich finanzieren soll.

Wir schauen auf das Thema aus unserer QuerWege-Perspektive, als sozialer Bildungsträger: nah dran an Teams, die täglich mit hoher Verantwortung arbeiten – und nah dran an Finanzierungslogiken, die oft so tun, als gäbe es nur Vollzeit.

Fakten zum Thema Teilzeit in Deutschland:

  • Teilzeit ist in Deutschland verbreitet: 2024 arbeiteten 30,6 % aller Erwerbstätigen in Teilzeit.
  • Die Gründe sind vielfältig: 23,5 % nennen Betreuungspflichten als Hauptgrund; 4,9 % Krankheit/​Behinderung; 11,6 % Aus- und Weiterbildung/​Studium.
  • In sozialen Berufen ist Teilzeit strukturell besonders häufig: In Kitas beispielsweise lag der Teilzeitanteil 2024 bundesweit bei 63 % – in Thüringen bei 69 %.

Was unsere eigenen Zahlen bei QuerWege zeigen

Bei QuerWege arbeiten insgesamt 321 Menschen, fast alle in (förder-) pädagogischen Tätigkeiten mit Kindern und Jugendlichen (Kitas, Schulen, Schulbegleitung, Frühförderstelle).

Unsere interne Auswertung zeigt: 95,0 % der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit, nur 5,0 % in Vollzeit. Befristungen liegen bei 53,9 % – und sind in dieser Auswertung nahezu vollständig Teilzeitverträge (98,3 % der befristeten Verträge). Insgesamt arbeiten 305 von 321 Beschäftigten in Teilzeit (95.0 %).

Es ist sichtbar, wie stark Teilzeit und Befristung im Alltag sozialer Träger mit der Realität der Leistungserbringung und der Finanzierung verknüpft sind.

Warum ist Teilzeit in sozialen Berufen so häufig?

Soziale Arbeit, Bildung und Assistenz sind Beziehungsarbeit. Sie ist intensiv, verantwortungsvoll und oft emotional fordernd. Teilzeit kann hier ein Schutzfaktor sein – für die Gesundheit der Mitarbeitenden und für Kontinuität in der Begleitung. Zudem kommt, dass Stellen im sozialen Bereich können häufig nur befristet und in Teilzeit angeboten werden (können) – z.B. bei Finanzierung durch öffentliche/​projektgebundene Förderung.

Unsere Haltung bei QuerWege: Teilzeit ist Stärke – wenn wir sie gut gestalten

Wir positionieren uns klar: Teilzeitmöglichkeiten sind für uns kein »Nice-to-have«. Sie sind ein Baustein betrieblicher Gesundheit und einer zeitgemäßen, individuellen, ressourcenbewussten Lebensführung. Wer etwa Care-Arbeit leistet, wer gesundheitliche Grenzen achten muss, wer sich weiterbildet oder wer schlicht dauerhaft leistungsfähig bleiben will, braucht Spielräume.

Und jetzt kommt der Haken: Die Rechnung dahinter passt oft nicht

Geichzeitig ist uns wichtig, ehrlich über die Kehrseite zu sprechen: Teilzeit heißt nicht automatisch »weniger Arbeit« für eine Organisation – sondern häufig mehr Koordination. Und genau diese Koordinations- und Leitungszeit wird in vielen Finanzierungslogiken zu wenig abgebildet – gedacht wird in Vollzeit. Das folgende Beispiel verdeutlicht dieses Spannungsfeld.
In Thüringen wird die Leitungszeit in Kitas nach einem festen Stellen-Schlüssel finanziert: Es wird so gerechnet, als gäbe es dafür einen bestimmten Anteil an »normaler Arbeitswoche« (also an einer Vollzeitstelle). Pro Kind ist das nur ein sehr kleiner Anteil, und pro Einrichtung gibt es eine Unter- und Obergrenze.

Das Problem: Diese Rechenlogik schaut vor allem auf die Gesamtmenge an Arbeitszeit – nicht darauf, wie viele einzelne Personen dahinterstehen. In der Realität macht es für die Leitung einen großen Unterschied, ob sich die Arbeit auf wenige Menschen mit vielen Stunden verteilt oder auf sehr viele Menschen mit wenigen Stunden.

Was heißt das für eine Kita-Leitung?

Wenn in einer Kita viele Teilzeitkräfte arbeiten, hat die Leitung nicht »nur« Personalplanung – sie hat viel mehr Einzelabsprachen: mehr Dienstpläne, mehr Übergaben, mehr Rückfragen, mehr Krankheitsvertretungen, mehr Gespräche, mehr Einarbeitungen. Der Koordinationsaufwand wächst, weil mehr Personen beteiligt sind. Die finanzierte Leitungszeit wächst aber nicht automatisch mit – sie bleibt an den Stellen-Schlüssel gebunden, auch wenn die Organisation im Alltag deutlich aufwändiger wird.

Was aus unserer Sicht hilft: Komplexität mitfinanzieren

Wenn Teilzeit Realität ist (und in sozialen Berufen häufig sogar Voraussetzung, um Fachkräfte zu halten!), muss die Finanzierung nicht nur die direkte Leistung, sondern auch die Organisationsrealität abbilden.

Ein gangbarer Weg sind Komplexitätspauschalen bzw. strukturbezogene Zuschläge in Kostensätzen, die Leitung und Koordination realistisch einpreisen.

Wichtig ist dabei: Eine Komplexitätspauschale ist kein »Bonus« für Verwaltung. Sie ist ein Instrument, um betriebliche Gesundheit, Qualität und Verlässlichkeit für alle Mitarbeitenden abzusichern – und um Leitungspersonen nicht dauerhaft in unbezahlte Mehrarbeit zu drängen.

Unser Schluss: Teilzeit braucht Rückenwind – und ehrliche Rahmenbedingungen

Wir stehen bei QuerWege für Teilzeitmöglichkeiten, weil sie Menschen im Beruf hält und Gesundheit schützt. Wir stehen genauso klar dafür, dass Leitung, Koordination und Qualität in der Finanzierung sichtbar werden müssen. Denn gute soziale Arbeit entsteht nicht nur »am Menschen« – sie braucht auch tragfähige Strukturen im Hintergrund.

Text: Marvin David, Vorstand QuerWege e.V.

Stand: 17.2.
Eine Langfassung – inkl. Quellenangaben – unserer Position befindet sich im Bereich Download auf dieser Seite.

veröffentlicht am 18. Februar 2026